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In vielen Kollegien löste das Verschwinden des „Rechnungswesens“ gemischte Gefühle aus. Ein traditionelles Fach wird von einem Fach abgelöst, dessen Inhalte zum Teil als diffus, nicht spezifisch für den wirtschaftswissenschaftlichen Zweig oder ähnlich charakterisiert werden.
Ein genauer Blick in die bereits für das G9 entwickelten Lehrpläne belegt, dass derartige Aussagen tatsächlich nicht zutreffen. Es zeigt sich dagegen, dass ungeachtet des neuen Namens und der andersartigen Herangehensweise viele Elemente des traditionellen Rechnungswesens als unverzichtbare Grundlage für die neuen Inhalte und Methoden erhalten bleiben. Auch an den Universitäten und Fachhochschulen kommen die Studiengänge „Wirtschaftsinformatik“ nicht ohne Rechnungswesen aus. Dennoch sei klar gestellt, dass es sich bei dem neuen Fach Wirtschaftsinformatik (WIn) nicht um eine reduzierte Ausgabe des Studienfaches handelt, sondern um ein gezielt für das WSG-W entwickeltes Schulfach.
In der neueren Didaktik des Rechnungswesens wird statt der Buchung der einzelnen Geschäftsfälle immer mehr die Analyse von Geschäftsprozessen in den Vordergrund gestellt.
Was meint der Begriff Geschäftsprozess, warum erscheint ein Umdenken erforderlich?
Zunächst ein Auszug aus einer Lehrerhandreichung eines anderen Bundeslandes, der zum Nachdenken anregen kann:
„Systemdenken“ – die vernachlässigte Disziplin
„Von frühester Kindheit an lernen wir, Probleme in ihre Einzelteile zu zerlegen und die Welt zu fragmentieren. Dadurch werden komplexe Aufgaben und Themen scheinbar handhabbarer, aber wir zahlen einen versteckten, ungeheuer hohen Preis dafür. Wir sind nicht mehr in der Lage, die Konsequenzen unseres Handelns zu erkennen; wir verlieren die innere Verbindung zu einem umfassenden Ganzen. Wenn wir dann versuchen, das „größere Bild“ zu sehen, bemühen wir uns, die Bruchstücke in unserem Kopf wieder zusammenzusetzen, alle Teile zu erfassen und zu ordnen. Aber das ist ... vergebliche Liebesmüh, es ist so ähnlich, als würde man die Scherben eines zerbrochenen Spiegels wieder zusammenkleben und auf ein unverfälschtes Abbild hoffen“(P. M. Senge: Die Fünfte Disziplin. Kunst und Praxis der lernenden Organisation. 1996. S. 11).
Ein lebendes System ist eine Einheit. Sein Wesen hängt vom Ganzen ab. Dasselbe gilt für Organisationen. Um die Zusammenhänge und Prozesse in einem Unternehmen zu verstehen und durch die eigene Tätigkeit zur Erfüllung des Zwecks und zur Erreichung der Ziele des Unternehmens wirkungsvoll beitragen zu können, muss man das Ganze sehen und das System verstehen, in dem man arbeitet. Entscheidet man sich für einen Beruf oder einen bestimmten Studiengang, dann ist es ebenfalls sinnvoll, sich möglichst frühzeitig mit diesem Beruf oder diesem Studium als Ganzem zu befassen. Dieser Grundsatz lässt sich an folgender Geschichte veranschaulichen:
„Als drei Blinde auf einen Elefanten stießen, tat jeder seine Entdeckung lauthals kund: „Es ist ein raues Ding, groß und breit, wie ein Teppich“ erklärte der erste, der ein Ohr in der Hand hielt. Der zweite, der den Rüssel ertastet hatte, widersprach energisch. „Ich weiß, was es wirklich ist! Es ist ein langer, hohler Schlauch.“ Und der dritte, der ein Vorderbein umschlungen hielt, verkündete: „Es ist groß und fest, wie eine Säule.“ So wie diese Männer zu ihrem Wissen kommen, werden sie nie begreifen, was ein Elefant ist (P.M. Senge: a. a. O. S. 86).
Gibt es einen großen Unterschied zwischen diesen drei Blinden und den kaufmännischen
Sachbearbeitern oder den Führungskräften in einem Unternehmen? Jeder sieht (nur) seinen Bereich, seine Aufgaben, seinen Arbeitsplatz. Jeder hat ein bestimmtes Verständnis von den Problemen, die zu lösen sind. Diese Sicht der Dinge und dieses Verhalten insbesondere im Umgang mit komplexen Problemen hat eine gewisse Logik: Es ist die Logik des Misslingens (D. Dörner: Die Logik des Misslingens.1989).
Die tieferen Ursachen für das Misslingen sind die Denkfehler, zu denen wir beim Handeln in komplexen Situationen neigen. Wir nehmen z. B. eine Situation nur einseitig wahr und berücksichtigen nicht unterschiedliche Standpunkte oder unterschiedliche Perspektiven, wir überdenken die Situation nicht ausgiebig genug und verzichten darauf, sie möglichst vielfältig zu erfassen um das Problem, das es zu lösen gilt, richtig abzugrenzen. Wir sehen nicht die Verknüpfung der verschiedenen Variablen bzw. Faktoren, mit denen wir es zu tun haben und erfassen deshalb nicht die wichtigen Beziehungen, Interaktionen oder Kreisläufe, die das Problem ausmachen. Deshalb gelingt es uns nicht das Ganze zu sehen und zu verstehen. Wir können nicht vorliegende Mechanismen oder Gesetzmäßigkeit für uns nutzen und sind
deshalb häufig nicht so erfolgreich, wie wir sein könnten, wenn wir in der Lage wären,
vernetzt zu denken und den Umgang mit Komplexität besser beherrschen würden. Unser eindimensionales und monokausales Denken behindert das erfolgreiche Handeln; es führt in vielen Fällen zum Misslingen.“
Die hier allgemein angesprochenen Problemstellungen werden in sehr vielen Unternehmen in der Praxis aufgegriffen. Geschäftsprozesse, die ein Denken über „Abteilungsgrenzen“ hinaus verlangen, rücken in den Vordergrund. Die Analyse von Geschäftsprozessen bzw. geschäftsprozessorientierte Unternehmensanalyse ist für die meisten Unternehmen zum Standard der täglichen Arbeit geworden. Auch eine Zertifizierung der Unternehmen, z. B. nach DIN 9001 und 14001, setzt das Befassen mit Geschäftsprozessen voraus.
Zwei Definitionen des Begriffs „Geschäftsprozess“ bestätigen dies:
„Ein Geschäftsprozess besteht aus mehreren Aktivitäten, die in einem zeitlichen und sachlogischen Zusammenhang stehen. Er benötigt zur Ausführung bestimmte Ressourcen wie z. B. Personen, Maschinen. Jeder Geschäftsprozess hat einen definierten Prozessbeginn und ein Prozessende. Der Prozessbeginn ist das Eintreten eines Zustandes (Geschäftsereignis, z. B. Bestellanfrage eines neuen Kunden), das Prozessende wird durch das Erreichen eines wirtschaftlichen Zieles oder Geschäftsergebnisses (z. B. Abschluss eines Kaufvertrages) beschrieben“ (aus: Abts, D., Mülder, W.: Grundkurs Wirtschaftsinformatik, Braunschweig, Wiesbaden, 20024, S.273).
Etwas ausführlicher, aber ähnlich, definiert die SAP AG auf ihrer Homepage diesen Grundbegriff:
Geschäftsprozesse:
Nacheinander ablaufende Aktivitäten, die über die Grenzen einzelner Abteilungen und/oder Unternehmen hinwegreichen. An einem Geschäftsprozess sind verschiedene Parteien beteiligt, die bestimmte Aufgaben erledigen oder Rollen inne haben und auf ein gemeinsames Ziel hin zusammenarbeiten. Ein Geschäftsprozess kann durch Internet-Technologie und Services optimiert werden, die durch verschiedene IT-Umgebungen und Systeme unterstützt werden.
Im Unternehmen werden die Geschäftsprozesse in einzelne Kernprozesse und Subprozesse unterteilt. Das betriebliche Geschehen wird so nachvollziehbar.
Die Finanzbuchhaltung hat natürlich auch in diesem Zusammenhang ihre Berechtigung. Dem Schüler muss aber verdeutlicht werden, dass Buchhaltung nicht Selbstzweck sind.
Er muss die Buchhaltung in die betrieblichen Zusammenhänge einordnen können und einsehen, dass das Rechnungswesen in diesem Zusammenhang die Aufgabe hat, Informationen für betriebliche Planungs- Steuerungs- und Kontrollprozesse zur Verfügung zu stellen.
Es geht z. B. beim Absatz der Produkte neben der Buchung der entsprechenden Geschäftsfälle auch darum, dass der Schüler die Vielzahl von Informationsströmen erkennt, die im Unternehmen und zwischen dem Unternehmen und seinen Kunden fließen, bis ein Kundenauftrag abgewickelt ist. Potential und Bedeutung der modernen Kommunikationstechnologien sollen sich ihm erschließen.
Das neue Schulfach „Wirtschaftsinformatik“ greift diesen didaktischen Ansatz auf. Dabei soll auch sicher gestellt werden, dass der Wirtschaftsinformatik-Unterricht am WSG-W nicht in einen „reinen Informatikunterricht“ abgleitet. Es muss immer deutlich werden, dass weder Informatik noch Rechnungswesen, also auch nicht Wirtschaftsinformatik, Selbstzweck sein dürfen, sondern stets als Hilfestellungen für das Fällen bzw. Umsetzen unternehmerischer Entscheidungen vor dem Hintergrund der sozialen Marktwirtschaft betrachtet werden müssen. Dies erfordert auch eine stärkere Vernetzung der Fächer WIn und WR, die dem nachhaltigen und fächerübergreifenden Lernen entgegen kommt und Synergieeffekte ermöglicht.
So wie das Fach Informatik zur Profilierung des Naturwissenschaftlich- Technologischen Gymnasiums beiträgt, eröffnet das neue Fach Wirtschaftsinformatik mit seinen eindeutig allgemein bildenden Inhalten dem WSG-W die Möglichkeit, auch in der Abgrenzung zu den Schulen des beruflichen Bereiches, das vorhandene, eigenständige Schulprofil noch weiter zu schärfen.
Die modernen Kommunikations- und Informationstechnologie haben die Arbeitswelt in den Unternehmen, aber auch den Alltag der Schüler entscheidend verändert. Die neuen Möglichkeiten müssen bewertet werden, Risiken und Gefahren sind herauszuarbeiten.
Auch wurde mit dem neuen Fach den Schülern die Möglichkeit eröffnet, den Umgang mit Standardsoftware (Tabellenkalkulationsprogramme, Präsentationssoftware und Datenbanken) systematisch zu erlernen. So findet sich zum Beispiel im einführenden Kapitel am Beginn des Unterrichts in der Jahrgangsstufe 8 eine Stundensequenz Arbeit mit einem Tabellenkalkulationsprogramm, in dem systematisch Grundlagen gelegt werden, auf denen in den folgenden Jahren aufgebaut werden kann. Im „alten Rechnungswesen-Lehrplan“ fanden sich Ansätze über verschiedene Abschnitte verteilt.
Das Thema „Datenbanken“ bildet die große Klammer des Unterrichts in der Jgst. 9.
Ein Blick in den Lehrplan zeigt, wie Inhalte des traditionellen Rechnungswesens mit Inhalten aus der Wirtschaftsinformatik verbunden werden. Beispielhaft sei auf das Kapitel WIn 9.2 Informationsflüsse bei Beschaffung und Absatz (ca. 19 Std.) verwiesen:
„Die Schüler erkennen an Hand exemplarischer Geschäftsprozesse (z. B. veranschaulicht mit Belegen), welche Informationen im Unternehmen im Zusammenhang mit der Beschaffung und dem Einsatz von Werkstoffen (Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen) sowie dem Absatz der Fertigprodukte erfasst werden. Es soll ihnen das Ausmaß der zu bewältigenden Informationsflüsse bewusst werden. Die Schüler verschaffen sich zunächst einen Überblick über die buchungstechnische Behandlung dieser Vorgänge in der Finanzbuchhaltung. Die hier gewonnen Einsichten nutzen sie auch für ein problemorientiertes Arbeiten mit Datenbanken. Sie lernen, einfache Datenbanken selbstständig zu bearbeiten und fallbezogene Auswahlabfragen durchzuführen. - graphische Darstellung eines Geschäftsprozesses aus Beschaffung bzw. Absatz mit Hilfe geeigneter Symbole
- Buchungen und Berechnungen im Zusammenhang mit der Beschaffung und dem Einsatz von Werkstoffen einschließlich Skonto und Vorsteuer, Abschluss der Konten
- Buchungen und Berechnungen im Zusammenhang mit dem Verkauf von Fertigerzeugnissen (einschließlich Skonto, Mehrwertsteuer, Einzelwertberichtigung von Forderungen), Abschluss der Konten
- selbstständiges Bearbeiten einfacher Datenbanken mit Lieferanten- und Kundendaten, ggf. auch mit Hilfe von Formularen
- Auswahlabfrage als Projektion (Auswahl von Feldern) und Selektion (Auswahl von Objekten bzw. Datensätzen), Auswahlabfragen mit Verknüpfung zweier Objekttypen (Tabellen)
- Anwendungsmöglichkeiten für fallbezogene Datenbankabfragen (z. B. gezieltes Abfragen von Kundendaten im Rahmen der Marktforschung, Erstellung von user profiles)“.
Das neue Fach verlangt vom Schüler verstärkt ein Denken in Zusammenhängen. Für uns Lehrkräfte bringt das neue Fach Wirtschaftsinformatik neue Herausforderungen, denen wir uns aber auch und gerade in Zeiten eines des gesellschaftlichen Wandels nicht verschließen können. Dabei wird sich aber sicher zeigen, dass die Attraktivität unseres WSG-W nicht leiden wird, sondern vor dem Hintergrund der Aktualität und Zukunftsorientiertheit unseres allgemein bildenden, neuen Faches noch weiter steigen kann.
Günther Vorholzer
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